Publikumspreis 2001 Oscars

Publikumspreisverleihung 2002

2002: Laudatio von Bettina Fritsche für Tanztheater Iwanson

2002: Laudatio von Walter Erpf für Tanja Maria Foidl

2002: Laudatio von Sebastian Hofmüller für Rudolf Wessely

2002: Dankesrede von Rudolf Wessely

Publikumspreisverleihung der Jahre 2004; 2003; 2001; 2000


Nach oben Verleihung des Publikumspreises 2002

Am 24. April 2002 fand zum 3. Male die Verleihung des Publikumpreises in unserem TheaterSpielRaum statt!
Aus den fast 53 Veranstaltungen des Theaterforums Gauting im vergangenen Jahr haben Sie durch Ihre Bewertungen am Ende der jeweiligen Veranstaltung die diesjährigen Preisträger gewählt.

Die Preisträger sind:

Für die Rubrik Tanz: Jessica Iwanson

Für die Rubrik Chanson: Tanja Maria Froidl

Für die Rubrik Theater: Rudolf Wessely




Nach oben Laudatio von Bettina Fritsche für Jessica Iwanson 

Ich lobe den Tanz
Denn er befreit den Menschen von der Schwere der Dinge
Bindet den Vereinzelten
Zur Gemeinschaft.
Ich lobe den Tanz
Der alles fordert und fördert
Gesundheit und klaren Geist
Und eine beschwingte Seele.
Tanz ist Verwandlung
Des Raumes, der Zeit,
des Menschen, der dauernd in Gefahr ist zu zerfallen
ganz Hirn, Wille oder Gefühl zu werden.
Ich lobe den Tanz
Mensch lerne tanzen,
sonst wissen die Engel
im Himmel mit dir nichts anzufangen.

Das sagte Augustinus im 5. Jahrhundert. Eintausendsechshundert Jahre später gibt es ein kleines aber feines Ensemble junger Menschen um die sich Augustinus sicher nicht sorgen muss. Ich spreche von der Publikumspreisträgerin der Sparte Tanz, den Mitgliedern des Tanztheaters Iwanson!

„Schneller, höher, weiter!“, das ist nicht ihre Devise. Nicht dass sie das nicht könnten: raumgreifende Sprünge und dynamische Drehungen gehören genauso zu ihrem Bewegungsvokabular wie wahnwitzig schnelle Lauf-Spring-Kombinationen und beeindruckende Hebungen. (Hier werden Frauen von Frauen gehoben, das ist etwas ganz anderes, als wenn die kleinen Eisprinzessinnen von ihren hünenhaften Partnern durch die Luft gewirbelt werden.)

Handwerklich sind die Absolventen der Iwanson-Schule also bestens gerüstet, dank eines breitgefächerten Ausbildungsprogramms, das neben den verschiedenen zeitgenössischen Tanzstilen u.a. auch klassisches Ballett umfasst. Die Technik steht ihnen zur Verfügung, ist Voraussetzung, aber nicht Ziel. Sie drängt sich nicht in den Vordergrund. Hier werden vielmehr tanzbegeisterte Schüler zu bewussten, selbständigen Tänzern geformt, die durch Präsenz auffallen, denn sie wissen was sie tun und ich glaube, sie wissen auch warum. Dieses Wissen verdanken sie, neben ihrem Talent – denn ohne das läuft gar nichts – vor allem den wunderbaren Pädagogen der Schule und deren Gründerin und Leiterin Jessica Iwanson.

Das Programm „Einblicke - Ausblicke“, das das Ensemble hier im Oktober vergangenen Jahres vorgestellt hat, zeigt einen Querschnitt durch die Ergebnisse täglicher harter Arbeit. (Auf die Idee zu fragen „Was machen die eigentlich tagsüber?“ wird sicher keiner kommen, der diesen Abend gesehen hat.)

Es werden Geschichten erzählt. Alltägliche, menschliche, berührende Geschichten. Oft freiwillig komisch und voller Bewegungswitz. Grotesk, traurig, auch böse; dann wieder geradezu zärtlich und liebevoll.

Die Tänzer des Tanztheaters Iwanson sind vom Publikum sicher nicht zuletzt deshalb mit einem Preis bedacht worden, weil sie bewegen. Weil sie – siehe Augustinus – immer Hirn und Wille und Gefühl sind, wohlwissend, dass eins ohne die Anderen, niemanden – weder Zuschauer noch Akteur - bewegen kann.

Jetzt möchte ich noch ein paar Pressestimmen zitieren, etwa den Münchner Merkur: „Jessica Iwansons Verdienste als Pionierin des Modern Dance sind gar nicht hoch genug einzuschätzen.“ Oder Wirtschaft exklusiv: „Europaweit gilt die Münchner Schule als erste Adresse.“ Aber wie sagte Jessica Iwanson im Gespräch über ihre neue Choreographie „Zeitfenster“: „Zu viele Worte sollten es nicht sein, leicht gerät man ins Plappern ...“ Und das mag sie mich



Nach oben Laudatio von Walter Erpf für Tanja Maria Froidl

Es knistert die Platte, es schmachtet Caruso, der Herrgott sitzt am Grammophon. Sieht nach der Nadel ruhevoll ... Engel Nr. 23 überreicht einen Zettel. Auf dem steht nur: „Tanja Froidl, Erding“. „Det Frollein möchte in den Himmel rin,“ meldet Nr. 23. Er war einst Türsteher in Berlin. Damals war das noch ganz üblich, das mit dem „Frollein.“ „Ick sarje: Wer sind ’se denn?“ Da sagt se mit bestimmter Stimme: „Wunderkind, Kleptomanin, Sopran 1, manchmal auch 2, Miss Jane, Blondine, Blauer Engel ...“ Sarje ich: „Det kann jeder sarjen und selbst wenn et stimmt, damit woll’n ’se in Himmel ’rin?“ Sagt der Herrgott: „Was hat sie denn als Referenzen?“ Sagt Nummer 23: „Hier, ’ne Mappe. Mit Photos. Und lauter Kritiken aus’m Merkur und der SZ.“ Der Herrgott blättert gedankenverloren.
Die Froidl ist inzwischen näher gekommen. Sieht sich neugierig um. Auf Geheiß von Nummer 23 setzt sie sich. Ein kleiner grauer Pudel mit rosarotem Schleifchen wuselt heran und pinkelt an ihren Stuhl. Eine grelle Stimme ruft: „Lass das, mein Süßer!“ Ein Lorgnon schwingend, naht eine dickliche Dame, dem Pudel nicht unähnlich. Guckt sich neugierig die Froidl von oben bis unten an. „Tagchen, Kleene, ich bin die Helen.
Doch Engel Nummer 23 läßt nicht locker: „Ham’ se wenigstens die Papiere mit, Frollein Tanja?“ „Tanja Maria“ verbesserte die Angesprochene. „Habe keine Papiere, bin ja auch eigentlich lang noch nich so weit für hier oben. Wollte mal nur so reinkucken in’n Himmel, jetzt...“, sie deutet auf die Dicke mit dem Pudel, „wo doch jetzt sogar die Vita und die Künnecke..., da kann’s doch gar nich’ so langweilig werden...“. „Ne, dat isses wirklich nich!“ ruft leicht genervt Engel Nr. 23 und versucht den Pudel einzufangen, der sich in die Telefonschnur verbissen hat.
„’n bisschen unsicher bin ich nämlich schon, Sie wissen doch – wegen dem „schlechten Ruf“... und...“. „Was und?“ Engel Nr. 23 runzelt die Stirn. „Jetzt drucksen ‚se nich so ’rum, kleines Frollein, der Herrgott weiß doch eh alles!“
„N’ bischen Geld hab’ ich mal geklaut – davon kann ich sogar ’n Lied singen. Und’n Büstenhalter und’n Gebiss und’n Bechsteinflügel... Ich trag’s Ihnen gerne vor, wie’s dazu gekommen ist.“ Und schon steht sie auf und singt das Lied vom jestohlenen Jroschen. Schon nach ein paar Sekunden ist es gar nicht mehr wie im Himmel, sondern wie auf Erden, damals in Berlin N., wo Frau Wischnjak ihn hat liegen lassen, den Groschen. Und sie singt gleich noch eins von ihren Liedern, passt gut hierher, eins von Lieschen Puderbach, ’nem kleinen Mädchen, das davon träumt, wenn es mal tot ist.
„Die Engel tirilieren, die Geijen jubilieren, wenn zum Empfang von Liesken alle aufmarschieren. Mensch, machen die ’nen Krach...“
Als sie aufgehört hat zu singen, ist es erst mal ganz ruhig. Leise schnäuzt sich der Herrgott. Lust und Jammer seiner ganzen Welt, vor allem Jammer, klingen ihm aus diesen Liedern wieder. Weniger leise schnäuzen die anderen, der Pudel pinkelt ans Klavier. Und plötzlich rauscht Beifall los, denn sie waren nicht allein geblieben, der Herrgott, die Vita, sie und Nummer 23.
Eine ganze Schar Neugieriger stehen um sie herum, alle aus der Abteilung Kabarett, Chansonetten und Diseusen: die Gussy Holl, die Walldoff, Marlene und die Blandine Ebinger, Margo Lion, Gerta Keller und Trude Hesterberg, Alle tuscheln und plappern.
„Fräulein“, sagt der Herrgott schließlich und steht mit solcher Vehemenz auf, dass er beinahe mit dem Kopf an den gemalten Rundhorizont stößt, „der Platz hier im Himmel ist Ihnen natürlich sicher. Rufen sie nicht an, WIR melden uns. Die Demo-Mappe können sie wieder mitnehmen. Haben Sie denn auch Aufnahmen gemacht für’n Grammophon?“ Petrus, denn auch er war herbeigeeilt, klappert verlegen mit den Schlüsseln. „Werden wohl mal das Equipment auf den neusten Stand bringen müssen“ raunt er einer kleinen Gruppe älterer Herren zu. Der eine schaut aus wie Thomas Edison. Ein kleiner Mann mit großen traurigen Augen hat sich inzwischen vorstellig gemacht. Schaut sie unverhohlen immer wieder an. Gefällt ihm, die Froidl ...
„Fritzchen!“ faucht die Ebinger. Mit der war er mal verehelicht. Und nicht nur mit der. Doch die Froidl kriegt nicht viel mit von dem Drumherum. Sie singt von „Egon“ und von der „billigen Anette“, von der „Unschuld vom Lande“, von ihrer Sehnsucht nach dem „Mond“, vom „Keuschheitsverein in Büsum“ und von der „feschen Lola“. Und „von Kopf bis Fuß.“ Das hat der mit den großen Augen mal geschrieben. Text und Musik. Jetzt sitzt er am Klavier und begleitet die kleine Person mit der großen Stimme. Klein zu klein ... Und wieder ist es gar nicht wie im Himmel, eher wie in einem Kellertheater.
Gespielt gelangweilt schaut die Dietrich. Freut sich heimlich an der Eifersucht von der Ebinger. Waren doch längst geschieden. Und außerdem ’ne Ewigkeit her. Zarah Leander lächelt huldvoll, Josephine wackelt anerkennend mit dem Po, Hollaender grapscht zwischen zwei Akkorden nach den Bananen. Etwas abseits sitzt eine mit dunkler Sonnenbrille. Die Knef. Fühlt sich noch nicht ganz heimisch da heroben. Nach einer guten halben Stunde, gerade wollte sie noch eine Zugabe singen, piepst es. Verlegen greift die Froidl in ihre Handtasche. Holt ’nen kleinen Apparat raus. Eine SMS. Noch klatschen alle Beifall. Hollaender holt sich ein Küsschen ab. „Dankeschön sagt sie schnell und verbeugt sich. Und setzt, als sie einige Engel mit erröteten Köpfen bemerkte, vorsichtshalber noch nach: „Singe in der Kirche immer wieder auch „Credos“, „Glorias“ und „Sanctusse“.Während die Umstehenden über die richtige Pluralform debattieren, lässt sie sich eilends das Retourbillet knipsen, schnappt sich die Mappe mit den Kritiken und ruft im Hinauslaufen: „Irgendwann dann mehr. Aber –eher nicht zu bald. Bin jetzt in Eile. Muss nach Gauting. Zum Theaterforum. Blick selber nicht ganz durch, aber – ich hab ’nen Preis gewonnen vom Publikum, aber das weiß nichts davon. Wirklich!“ Und schon ist sie weg.
Wir sollten schaun, dass wir dereinst in die gleiche Abteilung kommen, da oben. Ich bring dann alle meine Noten mit. Verspricht ja durchaus amüsant zu werden.



Nach oben Laudatio von Sebastian Hofmüller für Rudolf Wessely

Der Schauspieler ist in Wien geboren. Er besuchte unmittelbar nach dem Krieg dort das berühmte Max-Reinhard-Seminar, also eine von den drei oder vier berühmtesten Schauspielschulen. Inzwischen zählt er zu den grossen alten Schauspielern, die über viele Jahre die Zuschauer der Münchner Kammerspiele beglückten. Mit Dieter Dorn hat er im vergangen Jahr die Straßenseite gewechselt und ist nun im Bayerischen Staatsschauspiel zu sehen. Zwischen diesen beiden Fixpunkten – also Schauspielschule und Staatsschauspiel hat er so ziemlich alles durchgemacht, was man im Theater machen kann:

- er hat als Dramaturg gearbeitet (in Wien),

- Schauspiel unterrichtet (an der staatl. Schauspielschule der DDR),

-  er hat als Direktor in Bern und Düsseldorf ein Theater geleitet

- und vor allem immer und immer Theater gespielt: in Wien, in Berlin, in Düsseldorf, in Wuppertal, in Zürich und sehr viel in München; also an allen wichtigen Orten des deutschsprachigen Theaters.

Er hat mit berühmten Regisseuren zusammengearbeitet, die bereits zur Theatergeschichte gehören: Heinz Hilpert, Ernst Wendt, Thomas Langhoff, Volker Schlöndorf, und natürlich Dieter Dorn. Und auch die Aufzählung der Stücke und Rollen, in denen er mitgewirkt hat, wären eine endlos lange Litanei aus der kompletten Theaterliteratur. Mit einer Kritik aus der Frankfurter Allgemeinen Zeitung zu einen Stück von Herbert Achternbusch- in dem er mit Rolf Boysen spielt -, möchte ich seine Qualitäten beschreiben: „sie könnten usbekisch plaudern – man sähe ihnen gerne zu. Was Boysen und (er) aus dem unsäglichen Stück machen, besticht durch seine Liebenswürdigkeit.“ Es ist noch mehr: während ein anderer berühmter Schauspieler der Münchner Kammerspiele vor Beginn jeden Auftritts in dem noch stillen Theater die Bühne betritt und ganz für sich die Theaterluft einatmet und den Raum auf sich wirken lässt, habe ich bei ihm eine ganz andere Beobachtung machen können. Er betritt unseren Spielraum setzt sich sofort irgendwo hin und achtet nicht auf Requisiten, Garderobe oder Lichtstimmungen. Das alles ist nicht wichtig für ihn in diesem Moment – wo doch gerade Schauspieler oft größten Wert legen, dass sie richtig gut im Rampenlicht rüber kommen – nein das ist ihm in diesem Moment überhaupt nicht wichtig. Er holt seine Papiere und Notizen, liest sicher zum tausendsten Mal seinen Text, den er mit einer außerordentlichen Akribie vorbereitet hat und auch unzählige Male überarbeitet hat um nochmals das kleinste Detail zu überdenken, wie er dem Autor gerecht werden kann durch eine möglichst präzise Betonung.  

„Wie Bernhards Weltverbesserer nicht müde wird zu erklären, dass man die Welt nur verbessern kann, indem man sie abschafft – und sie so redend am Leben erhält, spielt (er) Theater: wer solche Lust hat, sich der Welt entgegenzusetzen, indem er ihren Un-Sinn beredt Ausdruck gibt, der setzt mit der Kunst da einen Sinn, wo keinen zu erkennen er gerade behauptet.“ schreibt der Dramaturg Michael Wachmann über ihn.  

Wenn man ihm also mit so großer Begeisterung zusieht und zuhört, dann hängt es mit der großen Leidenschaft für Literatur zusammen. In seiner Lesung über Thomas Bernhard bot er eine atemberaubende Deutung des Werkes, die vor allem die Zwischentöne, und die nahezu musikalische Konzeption des Textes deutlich werden ließ. Die Süddeutsche schrieb von einer „Sternstunde“, und unser Publikum dachte ähnlich. Wir freuen uns, dass der Publikumspreis in der Sparte Theater und Literatur heuer an einen großartigen Schauspieler und einzigartigen und wunderbaren Menschen geht: An Rudolf Wessely. Sebastian Hofmüller



Nach oben Dankesrede von Klaus Wessely 

Meine Damen und Herren!

Eine Auszeichnung, wie die mir heute zuteil gewordene, hat es an sich, dass der Ausgezeichnete mit einer kleinen Rede dafür zu danken hat. Ich wollte dies Dankeschön-Sagen auf eine besonders leichtfüßige Art und Weise hinter mich bringen, aber es will mir nicht gelingen. Zu viele postmoderne Zweifel nagen an mir: also lassen Sie mich vor Ihnen ein paar Gedanken ausbreiten, die mich in letzter Zeit nicht loslassen wollen.

Das Wort von Bertolt Brecht von den finsteren Zeiten, in denen wir leben, scheint mir noch immer seine Gültigkeit zu haben: das 20. Jahrhundert, das wir vor kurzem hinter uns gelassen haben, ist ein schlimmes gewesen, vielleicht das furchtbarste seit Menschengedenken. Und wir spüren – glaube ich- doch alle, dass auch das nächste Jahrhundert ein sehr gefährliches werden könnte. Kaum zu hoffen, dass es die von uns ersehnte humane Gesellschaft bescheren wird. Eher ist wohl anzunehmen, dass die entstandene egoistische Gesellschaft, in der jeder nur an sich selbst denkt, in der Solidarität ein Fremdwort ist, fröhliche Urständ feiern wird.

Überall im öffentlichen Leben ist derzeit von Umbrüchen und tiefgreifenden Veränderungen die Rede: die Industriegesellschaft wird zur Informations- und Kommunikationsgesellschaft werden, und es bleibt unklar, ob diese mehr der Wahrheit oder der Lüge dienen wird, mehr der Aufklärung oder der Verdummung. Wir wollen nicht wahrhaben, dass in unserer Zeit erstmals Menschen geboren werden, die nie in ihrem Leben an einem Arbeitsprozess teilnehmen können. Wir verschließen unsere Augen vor der stetig eskalierenden Brutalität, vor der Ausländerfeindlichkeit, die –wir haben’s erlebt- auch vor Mord nicht halt macht, wir wollen nicht zur Kenntnis nehmen, dass organisiertes Verbrechen unsere Demokratie gefährdet. Unsere Zeit, die so reich ist an technischen Utopien, soziale Utopien zu entwerfen, ist ihr scheint’s unmöglich: wir leben in einer politikmüden, philosophiefremden, denkfaulen Zeit. Der Feind: -Selbstbelügung, Blendung und Verblendung- bleibt unbesiegt.

Der einzige Glaube, den ich im Laufe eines langen Lebens nicht verloren habe, ist der Glaube an die Literatur. Für mich ist die Literatur die einige Bastion, in der noch die Wahrheit gesagt werden kann: Denn ohne Zweifel vermittelt die Fiktion das deutlichere Bild der Wahrheit. Es gibt Skeptiker heutzutage, die das Ende der Literatur voraussagen, die der ästhetischen Reflexion den Sinn für die Realität absprechen, die in virtuelle Welten fliehen. Ein schrecklicher Irrtum. Es ist Letalzustand, wo nicht Worte, sondern Wörter, nicht Namen, sondern Zeichen herrschen und jenen Typus des klugen Idioten hervorbringen, der das Gedächtnis der Kunst nicht einmal vermisst. Literatur wird - und das ist ihre Größe und Würde und Unersetzbarkeit –von Menschen für Menschen geschrieben.

Die Bedeutung der Kunst hat sich in diesen dunklen 20 Jahren geändert. Sagen wir es hart: sie hat an Bedeutung eingebüßt. Die Welt hat sich verändert, die Kunst hat sich verändert. Wir leben nicht mehr in einer Welt des Wortes, sondern in einer Welt der Bilder. Wir werden die ganze Zeit über von Bildern bestürmt und das hat uns stumpf gemacht.

Aber Außenseiter – der ich bin – kann ich nicht aufhören an die Macht des Wortes zu glauben, an den Reichtum und den Glanz der deutschen Sprache – für mich die schönste Sprache der Welt – auch wenn ich sehe, wie die Medien sie brutal kommerzialisiert haben; bis zum Aberwitz prostituiert von einer schamlosen Werbewirtschaft vergewaltigt, ihrer Würde beraubt kann ihre einstige Vollkommenheit nur noch geahnt werden. Auch heute noch –und heute erst recht- gilt, was der große Karl Kraus so formuliert hat: „In mir empört sich die Sprache selbst, Trägerin des empörendsten Lebensinhalts, wider diesen selbst. Sie höhnt von selbst, kreischt und schüttelt sich vor Ekel, Leben und Sprache liegen einander in der Haaren bis sie in Fransen gehen, und das Ende in ein unartikuliertes Ineinander, der wahre Stil unserer Zeit.“ Zitat Ende.

Brauchen wir unter diesen Umständen überhaupt noch Kunst und Literatur? Ja, denn „die Welt verödet immer mehr im Zuge der Technisierung. Also wird die Phantasie, wie sie in der Kunst und in der Geisteswissenschaft sich betätigt, immer wichtiger. Diese müssen gefördert werden, damit die Technisierung weitergehen kann und der Mensch das aushält.“

Wir leben in einer verängstigten und misstrauischen Welt. Das humanistische Fundament unserer Gesellschaft ist verloren gegangen. Es ist kaum zu leugnen, dass die großen Themen

unserer Tage Futter für Schwarzseher sind: Der Klimawandel ist irreversibel, wir haben uns daran gewöhnt, dass es keine verbindliche Wertorientierung mehr gibt, in allen Bereich nimmt die Brutalisierung zu, Familie und Sprache verfallen, weltweit hin ist der Trend hin zur Individualisierung, jeden Wir-Gefühls sind wir verlustig gegangen, wir haben uns der fixen Idee anheim gegeben, dass Geld alles sei, wir haben uns ihm ausgeliefert, bedingungslos, in voller Absicht, auf Gedeih und Verderb. Der globalisierte Kapitalismus hat vielen ungeahnten Wohlstand gebracht, zugleich aber neue Armut und politische Brüchigkeit. Wir müssen uns der Tatsache stellen, dass Bildung in der modernen Welt verloren zu gehen droht oder schon verloren ist, durch Ausbildung und Wissen verdrängt. Und es ist eine Illusion zu glauben, die Bildungsmisere sei durch flächendeckende Computerisierung und Vernetzung zu beheben. Und - last not least –kommt eine Medizin auf uns zu, die nicht mehr nur heilt, sondern „Menschen macht“, zersetzend das Menschenbild mit unbekannten Folgen. Das alles sind Symptome einer zusammengebrochenen Aufklärung. Die Verdinglichung des Menschen schreitet voran.

Die Kunst hat aber noch die Aufgabe seismographisch wahrzunehmen, wenn sich die Gesellschaft in einer tiefen Krise befindet, die ihre leitenden Vertreter nicht wahrnehmen. Es ist höchst alarmierend, dass gerade die jüngere Generation der Gesellschaft, deren Korrumpiertheit täglich offenkundiger wird, angewidert den Rücken kehrt und in eine Spaßgesellschaft flüchtet, die sich jeglichen  verschrieben hat.

Der große Umberto Eco hat warnend darauf verwiesen, dass der Begriff der repräsentativen Demokratie sich in der Ära der Globalisierung völlig auszuhöhlen droht: Vielleicht müssen wir im Internat-Zeitalter eine andere Form finden als die repräsentative Demokratie, die für die letzten 300 Jahre getaugt hat, aber heutigentags immer unpraktikabler wird. Dringlich scheint es geboten, ein neues Lebensmodell zu entwickeln, eine neue Form gesellschaftlichen Zusammenlebens zu finden, uns bessere soziale Realität ermöglichend. Das Rad der Geschichte lässt sich nicht zurückdrehen. Aber gerade in Zeiten großer Paradigmenwechsel sollten nicht alle vormodernen Traditionsbestände über Bord geworfen werden. Die großen Werke des abendländischen Geistes, dieses ungeheuere Gedankenarchiv, kann uns Richtungsvorgabe und Impulsgeber sein. Denn große Literatur lässt uns begreifen, was wir sind uns

wie wir sind, lesen hilft uns das eigene Leben besser verstehen und zu widerstehen, in einer sich immer rascher beschleunigenden Zeit.

Wenn es in dieser Welt äußerster Unordnung gleichwohl eine Ordnung gibt, dann durch ein beständiges Zurückstoßen und Verweigern. Alles was kommen könnte und schöpferisch sein könnte, wird nur durch eine Art von Ablehnung möglich. Der Zeitgeist weht, wohin er will, aber manchmal scheint es nötig, gegen den Wind Klavier zu spielen.

Meine Damen und Herren! Dankbar für die mir erwiesene Ehrung möchte ich Ihnen noch einen kurzen Text vorlesen, Ihnen eine Erzählung von Allan Poe unterbreiten, die mir mit dem gesagten in Zusammenhang zu stehen scheint.

Liebe Freunde, eine Veranstaltung wie diese lässt mich glauben, dass auch die Kunst nicht sterben kann. Gute Kunst bezieht ihre Würde aus ihrer orientierenden Kraft und bedarf des metaphysischen Blicks. Sie macht uns deutlich, dass wir nichts so sehr brauchen wie die Zweifel und die Liebe. Sonst sind wir –wie Hölderlin klagte, nur noch Handwerker und keine Menschen, nur noch blind beschäftigt mit den Kleinlichkeiten und Widrigkeiten des schieren Augenblicks.

 


zurück