Publikumspreisverleihung 2003

2003: Einführungsrede von Hans-Georg Krause

2003: Laudatio von Katja Sebald für Faltsch Wagoni

2003: Laudatio von Gerd Holzheimer für Maria Reiter und Wolf Euba

2003: Laudatio von Oliver Hochkeppel für Martin Schmitt

Publikumspreisverleihung der Jahre 2004; 2002; 2001; 2000


 Publikumspreis 2001 Oscars
 


Nach oben Verleihung des Publikumspreises 2003

Die 4. Verleihung des Publikumspreises ging am 18. Mai 2003 über die Bühne, der große Andrang veranlasste uns mal wieder "ein Stock höher" in die Hauptschulaula umzuziehen!


Die Preisträger:


(von links: Wolf Euba, Silvane Prosprei, Maria Reiter, Thomas Busse, Martin Schmitt)

 

Preisträger für den Bereich Kabarett:

Faltsch Wagoni    

 

Preisträger für den Bereich Theater:   

Wolf Euba und Maria Reiter

 

 

für die Kategorie Musik:   

Martin Schmitt      


Nach der Einführungsrede von Hans-Georg Krause
stellte Katja Sebald mit Ihrer Laudatio die Preisträger für den Bereich Kabarett vor.

Gerd Holzheimer nahm spontan den Sprachwitz von Faltsch Wagoni auf und würdigte in seiner Laudatio die 2. Preisträger für den Bereich Theater Wolf Euba und Maria Reiter!

Oliver Hochkeppel stellte in seiner Laudatio last but not least den Preisträger für den Bereich Musik:  Martin Schmitt vor.

Die Preisträger bedankten sich mit Ausschnitten aus bisherigen und ihrem aktuellen Programmen. Das Publikum konnte sich überzeugen, dass die Preisträger zurecht den "Gauting Oscar" zuerkannt bekamen! .

 



Nach oben Eröffnungsrede von Hans-Georg Krause

Vor zehn Jahren begann das Theaterforum mit seiner ersten Veranstaltungsreihe, den „Gautinger Theatertagen – dem kleinsten Theaterfestival der Welt“. Nach einiger Zeit gesellte sich dazu im Frühjahr ein Festival für Kinder, der „Gautinger Kinderfrühling“ und schließlich entwickelte sich nach einiger Zeit das ganze Jahr über Programm unter dem Titel „Kleine Szene“. Neben Nachwuchskünstlern und Gruppen aus der Region standen auch große Namen wie Theater an der Ruhr, Konstantin Wecker oder jüngst Dieter Hildebrandt. Das Programm entwickelte sich in einer Vielfalt und Breite, so dass wir heute bei der 327. Veranstaltung angelangt sind.

Der Publikumspreis – heuer zum vierten Mal verliehen - ist in gewisser Weise eine Bilanz. Eine Frage nach Schwerpunkten, nach Qualität und danach, was wir eigentlich wollen? Was will das Theaterforum mit seinen Veranstaltungen erreichen. Ginge es um das Geldverdienen, dürfen wir nur zugkräftige Großveranstaltungen durchführen. Darum geht es aber nicht. Nachdem wir viele ganz unterschiedliche Abende anbieten, vom Jazz über Lesungen bis zum Theater, von Klassik über Tanz bis zum Kindertheater, muss unser Bestreben ein anderes sein. Ich will aus Zeitgründen nicht auf fast schon historische Vorläufer eingehen (Stichwort „Diskursives Gutachten über Perspektiven einer kommunalen Kulturpolitik für die Gemeinde Gauting“, 1992). Muss in einer Vorortgemeinde, die so verkehrsgünstig vor München liegt, überhaupt ein Kulturprogramm angeboten werden? Ein ehemaliger Gemeinderat vertritt die Auffassung, wer solche Kultur will, solle die Münchner Angebote nutzen. Das kann man. Nur führt es zu einer Schlafgemeinde, zu Vereinsamung, zu einer Gesellschaft die sich hinter hohen Thujenhecken abkapselt und mit dem Nachbarn im Zweifelsfall nur noch über den Rechtsanwalt spricht.

Kultur prägt entscheidend das soziale Klima einer Gemeinde. Und wenn ich von Kultur spreche, meine ich das ganz breite Spektrum der Möglichkeiten, die beim Trachtenverein beginnen und beim Kulturspektakel noch lange nicht enden. Die kulturellen Aktivitäten, die gleichermaßen von professionellen Kulturschaffenden wie von Laien getragen werden, von Einheimischen wie von Gästen außerhalb Gautings, leisten ihren Beitrag zu Gemeinschaft, Begegnung und Kommunikation. Sie haben eine wichtige soziale Funktion, die weit über die reine Kunstausübung bzw. den Kunstkonsum hinausgeht. Der ehemalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker sagte „Kultur ist das eigentliche Leben.“ Erst die Kultur macht aus der Ansammlung von Menschen und Gebäuden ein Dorf, eine Gemeinde, eine Stadt.

Das Theater – und die anderen Künste ebenso – ist ein künstlerisches Mittel der Kommunikation.

Das Theater ist ein Ort für Begegnung. Begegnung mit neuen Ideen, Texten oder Tönen, aber auch eine Wiederbegegnung von Bekanntem, mit Fremdem, Geliebten und immer wieder Überraschendem. Ort für Begegnung mit fremden Kulturen.. Wo ist der Ort der Begegnung bei uns? Wir haben in den vergangenen zehn Jahren alle möglichen und unmöglichen Spielorte ausgelotet: das Rathaus-Foyer, die Gemeindebücherei, die Bahnhofstraße, die Buchhandlung Kirchheim, das Institut für Jugendarbeit, die Aula der Hauptschule, die Turnhalle hier und in der Realschule, die kleine und große Aula des Gymnasiums und natürlich immer wieder den TheaterSpielRaum. Das alles sind mögliche Orte, aber Sie wissen uns fehlt schmerzlich ein anderer Ort der Begegnung: der sog. „Kultursaal“. Kein Blick zurück zu Fehlern der Vergangenheit, sondern nach vorne. Ich habe die Hoffnung immer noch nicht aufgegeben, dass gerade jetzt, in Zeiten der großem finanziellen Nöte der öffentlichen Haushalte eine Konzentration auf wesentliches erfolgen könnte. Nutzen wir all unsere vorhandenen Potentiale bei der Realisierung von bescheidenen Lösungen. Statt einem Neubau eines Kulturzentrums – der ohnehin in weite Ferne rücken würde – den bescheidenen, aber praktikablen Umbau vorhandener Infrastruktur – für die jetzige Generation.  

Die Kulturstaatsministerin Christina Weiss sagte vor einiger Zeit – und das gilt übertragen für jede andere Ebene: „Wer nicht begreift, dass Kultur das ist, was Gemeinschaft ausmacht, der kann kein Staatswesen leiten. Das Miteinander der Menschen wird definiert über die Kultur und nicht über die Politik.“

Womit ich den Bogen zu unserer Kultur wieder schließen will: der Publikumspreis ist in gewisser Weise eine Bilanz unserer Arbeit. Er ist sicherlich noch nicht der bedeutendste Kulturpreis in der Bundesrepublik, (dazu reicht das Preisgeld der 135 Fördermitglieder noch nicht), aber er hat den besonderen Charme, dass er nicht durch irgendwelche Juroren verliehen wird, sondern durch das Publikum selbst. Unser Publikum hat sich ein Jahr lang durch Punktevergabe entschieden. Das Ergebnis steht nun fest, und soll heute bekannt gegeben werden. Die Künstler wissen seit einiger Zeit davon, aber sie sind jetzt ebenso gespannt wie Sie, wer nun die Laudatio auf sie hält, weil das unsere Überraschung für Sie ist. Bürgermeisterin Brigitte Servatius wird danach wie im letzten Jahr, die von Rosemarie Zacher geschaffenen Preise überreichen. Für die erste Laudatio darf ich nun eine Journalistin auf die Bühne bitten, die das erste Programm aus beruflichen Gründen kritisch zu würdigen hatte, Frau Katja Sebald.

 



Nach oben Laudatio von Katja Sebald für Faltsch Wagoni 

Die Versuchung ist groß, Sie an dieser Stelle mit „Herr Zlich will kommen“ zu begrüßen. Sie würden mir dann zurufen: „Soll er doch kommen, der Herr Zlich! Will vielleicht die Frau Zlich auch kommen?“

Aber damit würden wir unweigerlich die Einleitung überspringen und die will ich Ihnen auf keinen Fall vorenthalten:

Der Grund dafür, dass ich jetzt hier stehe, ist, dass man mich hereingelegt hat.

Hans-Georg Krause kennt nämlich die Abgründe von Journalistenherzen und hat mich mit dem Satz gelockt: „Sie könnten endlich mal ohne jegliche Zeilenbegrenzung ihre Meinung kundtun.“

Später bei der Besprechung des Programms für den heutigen Abend hat er dann gesagt: „Natürlich können Sie so viele Zeilen schreiben, wie sie wollen, wenn Sie zum Vorlesen nicht länger brauchen, als das Publikum lustvoll zuhören kann, fünf Minuten etwa.“

Doch damit nicht genug. Ich habe den Verdacht, dass auch Silvana Prosperi und Thomas Busse die Abgründe von Journalisten- bzw. Kritikerherzen kennen. Schließlich haben sie sich kennen gelernt, als sie ihn, den Straßenmusiker „Tommi“, für die Stadtzeitung „Blatt“ interviewte. Die letzten zwanzig Jahre scheinen sie nun ganz offensichtlich nichts anderes getan zu haben, als an einem Programm zu basteln, mit dem sie Journalisten und andere Wortklauber mal so richtig ins Schwitzen bringen können. Frühere Programme hießen: „Wenn schon daneben, dann neben dir“, „Einer platzt an der Sonne“, „Soweit die Sinne trügen“ oder gar „Liebe macht blond“. Damit waren sie erfolgreich.

Aber sie waren doch alle nichts als das Aufwärmtraining für „Deutsch ist dada“.

Triumphierend, um nicht zu sagen schadenfroh, präsentieren die beiden nun auf ihrer Internetseite die „Etikettierungsversuche der deutschsprachigen Presse“.

Dazu gehören aufwändig verknotete Kunstwerke wie: „Sprachverdrehungskünstler“, „Wortzerklauber- und Satzzertrümmerer-Duo“, „Neodadaistische Musikkabarettisten“  oder „Glossale Klamauk-Klassiker“, und schließlich, mit einem fast resignierten Unterton: „Die letzten Anarchisten“, die wohl „nicht von dieser Welt“ sein können.

Was folgt, ist eine ansehnliche Sammlung von Kritiken überwältigter Kritiker. Aus jeder einzelnen kann man deutlich herauslesen: Da ist jemand ganz offensichtlich mit rauchendem Kopf stundenlang vor seinem leeren Bildschirm gesessen und hat auf das Blinken des Cursors gestarrt. Schreibhemmung nennt man das.

Magnus Reitinger, Kulturredakteur des Weilheimer Tagblatts, brachte das Problem exemplarisch für alle anderen auf den Punkt und begann seine Kritik recht unkonventionell mit: „Boah ey, da schreib’ jetzt mal was Niveauvolles drüber, und natürlich was Witziges – nachdem dieser Mann und diese Frau auf der Bühne eindreiviertel Stunden lang kein Wortspiel ausließen in ihrem Wortspiel...“

Eigentlich aber geht es hier doch nur um ein Kabarettprogramm. Was also treiben die beiden da auf der Bühne, dass es uns unverbesserlichen Besserwissern auf einmal die Sprache verschlägt?

Dazu fand ich vor einigen Wochen auf irgendwelchen Feuilletonseiten einen Text, der mit „Abgesang auf das Kabarett“ überschrieben war. Der Autor schwelgt darin schwärmerisch in Erinnerungen an das politische Kabarett der Sechziger Jahre.

Klagt darüber, dass das Publikum in Zeiten der Comedy nur noch an den billigsten Stellen lacht und dass Typen, die man früher nicht mal ins Publikum gelassen hätte, heute auf der Bühne stehen.

Der Gautinger Neubürger und Kabarettist Ottfried Fischer meinte dazu kürzlich in einem Interview lapidar, es handle sich dabei lediglich um eine von vielen Totsagungswellen, Kabarett sei eben einfach eine Minderheitenveranstaltung.

Eine Minderheitenveranstaltung, die man heutzutage am liebsten in der Light-Version entspannt im Fernsehsessel genießt, und die sich auch inhaltlich vorzugsweise mit Erschlaffungserscheinungen jedweder Art beschäftigt.

Faltsch Wagoni heben sich vom aktuellen kabarettistischen Geschehen vor allem dadurch ab, dass sie „aufs Hirn und nicht auf den Unterleib ihres Publikums zielen“, wie Sabine Näher nach dem Auftritt in Gauting sehr treffend in der SZ schrieb.

Also etwa so: Erst denken, dann lachen.

Was sie machen, ist eine Minderheitenveranstaltung für die gesellschaftliche und sprachliche Minderheit der Wortklauber im Heer der Wortglauber.

Vor unseren völlig verblüfften Augen und vor allem Ohren vollführen sie ein grammatikalisches Drama, ein absurdes Wort- und Musikgefecht, ein ungezügeltes Sprach-Lust-Spiel.

Und dass sie trotz der Strapazen, die sie unseren trägen Gehirnen zumuten, hier und  heute einen Preis bekommen, das lässt zwar zum einen für einen hohen Germanistenanteil im Gautinger Publikum schließen, zum anderen ist es aber auch eine besondere Genugtuung für alle Sprachfanatiker.

Nicht nur das Duell zwischen Dativ und Goliath lassen die beiden mit einem Sieg des Satzbaus über den Körperbau enden, als Goliath schließlich doch noch in die Genitivfalle tappt.

Sie gewinnen sogar dem Konjunktiv mit Sätzen wie „Ich würde, wenn ich wüsste, wie es wäre, wenn ich’s täte“ eine bisher nicht geahnte Erotik ab.

Sie suchen einen ganzen Abend lang nach dem vermeintlichen Haar in der Buchstabensuppe und sind mit ihrer sensationellen Mischung aus schrägem Unsinn und herrlichem Sprachwitz, aus Kreativität und Pedanterie, aber auch aus Poesie und Ironie, aus Kompliment und Kommentar eigentlich fast so etwas wie ein zeitgemäßes Update von Karl Valentin und Lisl Karlstadt, gewürzt mit einer Prise Ernst Jandl.

Mit einer unglaublichen Lässigkeit schütteln sie dann auch noch die Musik aus dem Ärmel:  Die Sprache klingt und swingt, obwohl es die deutsche ist. Silvana Prosperi singt, steppt, trommelt, rockt schließlich deutsche Rockmusik auf ihrem Lederrock. Thomas Busse ist dabei ihr unerbittlicher Herausforderer, obendrein ein begnadeter Instrumentenerfinder und ein Meister der Ganzkörpergrimassen.

Wie die beiden ihren Namen gefunden haben, dass ist ja sozusagen programmimmanent und bedarf deshalb keiner weiteren Erklärung. Aber es ist ein wahres Glück, dass sie sich irgendwann in ihrem falschen Wagon gefunden haben und dort seither lustvoll an der deutschen Sprache herumschrauben. Und für Sie bedeutet das, dass sie jetzt gleich auch wirklich noch mal lustvoll zuhören dürfen, und zwar hoffentlich ein bisschen länger als fünf Minuten...

 



Nach oben Laudatio von Gerd Holzheimer für Maria Reiter und Wolf Euba 

 

Sehr geehrte, liebe Frau Bürgermeisterin, lieber Hans Georg Krause, du Verkörperung des Theaterforums, liebe Rosemarie Zacher, Schöpferin des Würmtal.Oskars, verehrte Preisträger und andere Kulturschaffende, meine Damen und Herren, liebe Maria Reiter, lieber Wolf Euba!

Dieses wunderbare Buch habe ich in der Gemeindebilbiothek von Gauting erstanden, in der gelegentlich ein überständiger Fundus verkauft wird – es trägt den Titel: „Wer heiratet Grete Schmidt? Ein Roman um eine Rundfunkstimme.“ Auf dem Cover ist eine, obgleich in Rückansicht, hinreissende Dame vor einem Mikrophon zu erkennen, die offenkundig Grete Schmidt heißt, und ein Manuskript verliest – und wären die Männer nicht alle in Wehrmachtsuniformen gekleidet, wäre man selber hingerissen von deren Hingerissenheit. Was aber macht man, wenn man als Mann, nicht gleichgeschlechtlich veranlagt, von einer Männerstimme so hingerissen ist – aber nein, das führt jetzt zu weit, vor allem auch deshalb, weil ich mir einbilde, die Stimme des Wolf Euba mein Leben lang als „Fülle des Wohllauts“ im Ohr zu haben.

Als mich Hans-Georg Krause bat, die Preisrede zu halten, hatte ich das Gefühl, diese Stimme mit der Muttermilch eingesogen zu haben, aber das ist natürlich ein Blödsinn, sage ich noch am Telephon: so geht das nicht. Wohl gibt es eine sogenannte „Radiotrinkerin“, aber das ist wieder eine andere Geschichte, von einem anderen Autor, dem Max Goldt.

Wie auch immer: Wer Radio hört, und das seit Kindheit an, für den ist die Stimme von Wolf Euba ein lebenslanger Begleiter, Generalbass im bayerischen Äther, wenn nicht überhaupt: „the voice“ of BR, Grundstimme im Rundfunk. Sie gehört für mich zu den Legenden dieses Medium – wie die des Fritz Benscher alias Rufus Mücke, wie der Singsang des Josef Kirmeier, der allsamstäglich die Fußballübertragungen ankündigte („... und pünktlich um 15.30 Uhr wird Schiedsrichter Kreitlein aus Stuttgart die Begegnung zwischen dem TSV 1860 München und den Lechstädtern von Schwaben Augsburg im Stadion an der Grünwalder Straße anpfeifen ...“) und wie das Glockenläuten sonntagmittags, in welche sich die immer gleichen Anfangsworte des Sprechers hineinflochten: „unweit von ....“ und dann kam der Ort, der auch ein kleiner Weiler sein konnte; der Sprecher wurde dann auch im Rundfunk so genannt: der „Unweit von“ ... Komisch, irgendwie schien das Leben in jenen Zeiten etwas verlässlicher zu sein, aber vielleicht schien das auch nur so.

Allerdings habe ich gelesen, dass Wolf Eubas Stimme erst seit 1962 vom Rundfunk in den Äther getragen wird, was erstens meine Muttermilch-Theorie erschüttern würde, weil ich da schon hinreichend entwöhnt war, und zweitens kann ich es nicht glauben.

Ich glaube vielmehr, dass Wolf Euba seit einer Zeit liest, in der es noch gar keinen Rundfunk gegeben hat.

Aber unter seinen begeisterten Zuhörern sind immer wieder auch Ingenieure gesessen,

und wie begabte Ingenieure so sind, denken sie stets noch auf einer zweiten Ebene. Und die Ingenieure haben sich gesagt: wir müssen uns etwas einfallen lassen, damit mehr Menschen Wolf Euba hören können, viel mehr – und sie haben rumprobiert und rumprobiert: Stimme, hm; Stimmen, hm; Stimmungen: so heißt ein Programm von Wolf Euba und Maria Reiter, und sie haben sich gesagt: mit einer Stimmung allein kannst noch keinen Radius betreiben, wie man seinerzeit das Radio in diesen Kreisen nannte... Stimmungen, Schwingungen, Schwingungen. Es war wie am Anfang aller Zeiten, so wie ihn Heinrich Heine in der „Romantischen Schule“ beschreibt: „Die Natur wollte wissen, wie sie aussieht, und sie erschuf Goethe.“ Ich hab´s, ich hab´s, rief auf einmal einer: Wellen, elektronische Wellen, man schickt den Schall durch die Luft und zwar als elektromagnetische Wellen, und die fängt man mit einer Art von Schmetterlingsnetz wieder auf.  Und schon kann man die Stimmungen im ganzen Land hören.

Wie ich aber in der Ankündigung die ersten Beiträge dieses Programms, also von „Stimmungen“,  gelesen habe, habe ich mir gedacht Prevert? Na bittschön ned: schwarze Rollkragenpullover, Existentialismus, das Paris der fünfziger Jahre: das ist doch wirklich kalter Kaffee! Brauchen wir das noch? Aber nach so langer Wolf-Euba-Rezeption hätte ich freilich schon gescheiter sein können. Ein Lehrer hat er ja nicht werden wollen, der Herr Euba, aber geworden ist er doch einer, aber was für einer: Ein Lehrer, der einen unglaublich viel Wissen, nein, nicht bei- sondern nahebringt, praktisch ein Leben lang.

Ich zum Beispiel habe Thomas Bernhard nie gemocht, bis zum Februar 1993. Mir ist immer vorgekommen: das kann ja jeder, so endlos vor sich hinschimpfen, auf alle und jedes, das ist keine Kunst, das kann ich auch, grantig bin ich selber und sauer auf Gott und die Welt auch, am meisten auf die Menschen. Aber Wolf Euba als Thomas Bernhards „Immanuel Kant“ – da habe ich zum ersten Mal Thomas Bernhard als Komiker erlebt. Wie er den Philosophen, der nie aus seinem Königsberg hinaus ist, auf einen Luxusdampfer nach Amerika schickt, und da säuft er so einsam seine Weinflaschen auf den Schiffsplanken leer, und ein Papagei krächzt immerzu aus einem Käfig: „Imperativ! Imperativ!“ heraus. 

Und eine Frau hat der ewige Junggeselle Kant, die ist so furchtbar nervig, dass der arme Philosoph noch einsamer, noch unverstandener dasteht als er in Wirklichkeit ohnehin schon gewesen ist. Seither muss ich bei Kant, dessen „Kritik der reinen Vernunft“ ich noch immer nicht ganz verstehe, nicht einmal in der vereinfachten Fassung Kants, in den „Prolegomena zu einer jeden künftigen Metaphysik“, immer an Wolf Euba denken, und dann dämmert mir immerhin so eine Ahnung von Imanuel Kant. Und von Thomas Bernhard auch.

Oder wer zum Beispiel meint, auch einmal etwas zu kennen, etwa dass Adalbert Stifter ein furchtbar langweiliger Dichter ist, dann aber Wolf Euba Adalbert Stifter lesen gehört hat, den reißt es: hoi! So also schreibt Stifter, das ist ja unglaublich! Ein radikaler Autor der Moderne. Nahtloser Übergang zu einer Veranstaltung, in der Wolf Euba nichts tut, als aus Wörterbüchern zu zitieren, begleitet von nichts als einem Schlagzeug: "molto parlando - Wörterbucher und Percussion", Dada reinsten Wassers.

Eine „Begegnung“ in dem Programm „Lauter gute Menschen“ verläuft zum Beispiel so: „Da ging einmal ein Mensch ins Büro und traf unterwegs einen anderen Menschen, der soeben ein französisches Weißbrot gekauft hatte und sich auf dem Heimweg befand. Das ist eigentlich alles.“ Das ist wirklich alles, und für manchen hört sich da alles auf. Angekündigt wird die Veranstaltung als Abend „zwischen Wahnsinn und Jammertal, zwischen Hörspiel, Theater und Lesung.“

Wirklich Sorge gehabt um eine Inszenierung des Dario-Fo-Stückes „Franziskus – der Gaukler Gottes“. Es war nach dem 9. September 2001. Da werden Türme eingerisssen, die Türme der Adeligen in Assissi umgelegt. Der heilige Franziskus wird zum Wiederaufbau eingesetzt, nach wenigen Tagen sehen seine Finger aus wie Blutwürste  – um Gottes willen, wie werden die Leute reagieren, frag ich Wolf Euba. „Jetzt grad erst recht“, sagt er.

Herrgott ist diese Welt absurd, der Teufel ist los in dieser Welt, die Hexen kommen im Tangoschritt dahergeritten. Im „Hexenritt im Tangoschritt“ buckelt sich derselbe schwarz gewandete Herr, diesmal mit satanisch rotem Schal angetan, wie gegen den ganzen Kosmos auf einmal entgegen, als wäre da kein Dach eines Theatersaals dazwischen, und munkelt von einem Doktor Faustus, der einen Teufel geschissen hat. Darauf folgt „Motter und Geplärr, und natürlich kommt auch die Walpurgisnacht mit ihrem ganzen Hexensabbath und Heinrich Heine mit seinem „Doktor Faust“, berühmt geworden als „Abraxas“ von Werner Egk - und gerade zugehen tuts: „Das drängt und stößt, das ruscht und klappert! / Das zischt und quirlt, das zeiht und plappert! / Das leuchtet, sprüht und stinkt und brennt! / Ein wahres Hexenelement!“.

Und dazu quetscht und zerrt und zieht Maria Reiter das Akkordeon, sie spielt Astor Piazzolla und auch Rudi Spring, und es quetscht und zerrt und zieht einem am eigenen Herzbeutel, dass er Schaden zu nehmen droht – wenn sie nicht auch einmal über ihrem Spiel lächelte, ein zauberhaftes Lächeln, und es den Herzbeutel wieder ein bißchen zusammenzieht. Sie hat den Tango und der Tango hat sie: Frohsinn und Trauer im gleichen Augenblick.

Maria Reiter spielt in den verschiedensten Formationen vom Soloauftritt über Kammermusik- und Orchesterformationen  – unter anderem mit Michael Heltau, Krista Posch, Heinrich Kluge, Rudi Spring, Konstantin Wecker usw. Konstantin Wecker sagt über Maria Reiter, dass sie dem Akkordeon wieder die Würde verliehen habe, die ihm in der volkstümlichen Musik genommen wurde.“ Ich nehme einmal an, dass damit eine Art von Entwicklung von der landläufigen Quetschn eben zum Akkordeon angedeutet werden könnte. Außerdem kennt Wecker, laut Selbstaussage, kaum eine Musikerin, auf die man sich so auf der Bühne verlassen kann.

Zusammen mit Wolf Euba versetzt sie die Zuschauer in „Stimmungen“, wie der Titel der Veranstaltung ebenso schlicht wie genial heißt. Wieder wie im „Hexenritt“ spielt Maria Reiter Astor Piazzolla. Für den chilenischen Schriftsteller Pablo Neruda war die Musik des argentinischen Großmeisters Astor Piazzolla „die der Fehler und Verwirrungen der Menschen ... eine Musik, die durch die Arbeit der Hände wie von Säure freigelegt ist, schweiß- und rauchgetränkt mit dem Geruch von Lilien und von Urin, vollgespritzt von der Fülle unseres Tuns.

Ein Kritiker namens „Preiser“ – er heißt wirklich so, und ich finde alle Kritiker sollten so heißen: „Preiser“ – sieht in Maria Reiters Spiel alles zu einer melodramatischen Einheit verschmolzen. Ihre Kostproben moderner Musik werden mit Texten unterschiedlicher Herkunft zu einem bittersüßen Gebräu. Von allem Anfang an, von den eröffnenden Takten des „Grand Tango“, den Astor Piazzola dem Cellisten Rostropowitsch widmete, wirkt ihre Klangmischung fesselnd. Andere Freiheiten entlockt sie dem Stück „Introduktion und Allegro“ von Kodalys Lieblingsschüler Matyas Seiber. Er und damit azuch Maria Reiter umgeht die Strenge von Zwölftontechnik oder Avantgarde-Rhythmik. Die „Lady Macbeth von Mzensk“, Schostakowitschs Oper, wiederum spiegelt in einer Ballettmusik den aufmüpfigen Stil von dessen „Allegro“aus der Sonate für Violoncello und Klavier op. 40 wieder. Dessen metallische Rhythmen bringt sie mit Bravour zur Geltung. Sie merken, ich muss, was die Musik betrifft, ein bißchen einen Kritiker zu Hilfe nehmen – mein einziger Trost ist, dass auch ein Preiser dann von einem Schriftsteller namens Gothe spricht – das erleichtert mich wieder, weil es zeigt, man kann nicht alles wissen und nicht jeder jedes... davon bleibt auch ein Goethe nicht verschont.

Immer wenn Maria Reiter Piazolla spielt, denk ich, sie ist selber eine argentinische, aber wenn sie dann etwas sagt, merkt man so schön, dass sie in der Gegend von Dietramszell ihre Heimat haben muss, aber Dietramszell und der Tango, das Voralpenland und die Pampa südlich von Buenos Aires sich nicht ausschließen, im Gegenteil: in große musikalische Landschaften können sie zusammenwachsen, in Leidenschaften. Seit langem habe ich das Gefühl, dass der Krokus und die Herbstzeitlose im Grunde ein und dieselbe Pflanze sind, nur dass sie auf der Nordhalbkugel im Frühling eben als Krokus erscheint, als Herbstzeitlose im Herbst, auf der Südhalbkugel aber in umgekehrter Reihenfolge, so dass sie einmal auf der einen Seite, einmal auf der anderen Seite unserer Erde auftaucht, durch eine lange, lange Wurzel miteinander verbunden. Ganz offenkundig gibt es auch solche Menschen, Maria Reiter gehört zu ihnen.

Der abwertende, also verkannte Ausdruck „Pampa“ erfährt in ihrem Spiel neuen Glanz, er verdient in Maria Reiters Namen volle Rehabilitation. Nicht umsonst heißt „Buenos Aires“ ja nichts anderes als „gute Luft“ und sie hat weiß Gott „Buenos Aires“ in ihrem Akkordeon.

Wenn Wolf Euba in den „Stimmungen“ mit Preverts „Inventar“ beginnt, und das geht so:

„Ein Stein – zwei Häuser – drei Ruinen und so weiter, es folgen: ein Garten – Blumen, dann, sehr überraschend: „ein Waschbär“, schließlich:

Ein Sonnenstrahl – sechs Musiker – ein Herr mit der Rosette der Ehrenlegion – noch ein Waschbär“.

dann hat man zwar schon gesehen, wie Maria Reiter langsam das Akkordeon auseinanderzieht und die Luft also hinein, aber dann: man erschrickt, man erschrickt, wie wenn Besuch angekündigt ist, man wartet auf sein Läuten oder Klopfen, dann läutet es oder klopft: und man erschrickt! – ein Steuereinnehmer – und dann kommt sie: die Klage, Klage des Akkordeons. Man erschrickt, und dann geht es im Duett der beiden weiter: ---  ein Priester - ein Furunkel – eine Wespe – eine Wanderniere

Die beiden hören sich ja gegenseitig immer wieder die gleichen Geschichten erzählen, immer wieder die gleichen Lieder spielen, aber immer von neuem hören sie sich zu – und lächeln.

Lächeln fein wie Maria Reiter, das anmutigste Lächeln, das auf dieser Welt zum Vorschein kommen kann, - und selbst ein Wolf kann lächeln, der grimme Wolf, dessen Nachname sich auf die „Eibe“ zurückführt – und wenn der große Psychoanalytiker C.G. Jung sagt, wir alle sollten in unserem Leben in unseren Namen hineinwachsen: dann wäre Wolf Euba ein Wolf, der zugleich Eibe ist, vor der sich sogar die Römer fürchten, Imperialisten in unserem Keltenland, die vor nichts halt gemacht haben, aber vor der Eibe schon – und dieser Wolf, der zugleich Eibe ist: er lächelt. Und Maria – die Schutzpatronin unseres Landes – sie reitet über die Pampa – und lächelt.

So spielen sie uns - auf der Bühne  - so ganz nebenbei das utopische Ideal vor, was wahre Liebe ist: „Dieses immer neue Ding, das sich niemals ändern wird. In den Stimmungen geht es eigentlich immer um die Liebe, fast immer, wenn man auch die Liebe dazunimmt, die dann keine mehr ist wie in Kästners „Sachliche Romanze“. Im Programm fügen sich unmittelbar nacheinander Heinrich Heines „Wir haben viel füreinander gefühlt...“ zu Rudi Springs „Nachtstück“, gefolgt von Tucholskys „ein Ehepaar erzählt einen Witz“, ehe ein „Intermezzo“ von Günther Habicht, natürlich ein Tango, zur „Häuslichen Szene“ von Eduard Mörike überleitet. Und wer meint: Mörike, Eduard Mörike, mein Gott, dieser biedere Autor mit den traurigen Hängebäckchen, der hat wieder noch nicht Wolf Euba gehört und Mörikes Ehedisput in dem es um nichts weniger geht als um Essig. Einen geschundenen Schulmann freuts tüchtigen Essig zu ziehen, doch muss er sich „schnödes Gerede“ seiner Gemahlin anhören, weil nirgends mehr Platz für irgend anderes in dem Haushalt ist  - als eben für Essig. Zu allem Überfluss redet auch die Gemahlin noch in Distychen: „Unwillkürlich wie du red ich elegisches Maß!“  Wieder geht es letztendlich mehr um die Sprache selbst als um Essig; Ehe oder ob es Essig wird mit der Ehe: viel wichtiger ist es, einem Hexameter den fälligen Pentameter folgen zu lassen, auf dass sich das Distychon wieder schließe. Denn wenn man mit der Sprache wieder im Reinen ist, dann ist man es auch mit der Welt wieder leichter.

Die Stimmungen kulminieren musikalisch in traditionellen Balkanstanzerln und literarisch in den „Stanzerln“ des Wiener Sprachmagiers H.C. Artmann, sozusagen unser aller poetischer Vater mit so genialen Reimen wie: „Die Nichte des Fürstel bekränzt sich mit Würstel“.

Maria Reiter und Wolf Euba stellen uns in ihren Programmen eine schier endlose Litanei zusammen, ein Gebet des Alltags, der ein absurder ist, in dem nichts zusammenzugehören scheint, und doch alles. Freilich bedarf es dazu, damit wieder alles zusammenkommt,  der Wahrnehmung des Menschen, seines Bewusststeins, seiner Lust, alles aufzubewahren – und wiederzugeben im geeigneten Augenblick. Und dieser Augenblick ist gekommen, wenn andere da sind, die ebenso aufmerksam zuhören.

Man wird süchtig nach Worten, nach Tönen, nach weiteren Worten, nach dem Klang, nach noch mehr Worten, nach der Musik, nach den Dingen selbst – die Dinge wieder-holen sich, weil sie wieder hergeholt werden von der Stimme, vom Akkordeon, von der Stimme Wolf Eubas, von der Musik der Maria Reiter. Die Dinge entbergen sich, wie ein Ladator sagen würde, hieße er Martin Heidegger, und treten auf die Lichtung des Seins, unseres Seins.

Und wir gehen nach Hause in hoch-beglückter Stimmung, weil wir, wie es Joseph von Eichendorff etwas anders formuliert, etwas vom Eingemachten unserer Existenz erfahren haben:

Es schläft ein Lied in allen Dingen

Die da träumen fort und fort

Doch die Welt hebt an zu singen

Triffst du nur das Zauberwort

Wir hier im Würmtal haben einfach Glück, erstens überhaupts, zweitens, weil es das Theaterforum des Hans Georg Krause gibt, und drittens, dass immer wieder solche Menschen bei uns zu Hause sind oder zumindest vorbeischauen.

Maria Reiter hat zum Beispiel in Krailling mit dem Ensemble „La Rose Rouge“ Tanzmusik gemacht, Wolf Euba hat in den achtziger Jahren in der „Galerie im Anbau“ eine Tradition der Gautinger Künstlerkolonie fortgesetzt - in der Absicht mit anderen Leuten zu leben und gleichzeitig etwas Gemeinsames zu schaffen, eine Vision, die an diesem und anderen Orten schon einmal zur Jahrhundertwende und dann noch einmal in Gefolge von 1968 erprobt wurde.

Eigentlich braucht ihr keinen Kulturpreis, in euch singt Kultur ein Preislied, das höchste, das es gibt: Ihr macht einen Zuhörer – wie man im Mittelhochdeutschen gesagt hätte: hohe gestimmt; hoch gestimmt.

Und dann haben wir ja noch den Weltweisen überhaupt bei uns, den großen Planegger, unseren Nachbarn, Karl Valentin, mit ihm möchte ich schließen:

Jetzt weiß ich nicht mehr, was ich hätte sagen sollen – aber es ist so.

Gerd Holzheimer

 



Nach oben Laudatio von Oliver Hochkeppel für Martin Schmitt 

Kennen Sie den: In einem noblen Hotel fällt einem Kellner krachend ein Tablett mit Gläsern herunter. Sofort springt der Geschäftsführer aus seinem Büro, rast zur Hausband und herrscht den Bandleader an: "Ich habe doch gesagt: keinen Jazz!" Sicher, auch dieser Witz lebt von einem abgestandenen, oft genug wiederlegten Klischee. Doch noch vor drei Tagen begrüßte bei einem Jazzkonzert, auf dem ich war, der Pianist das zahlreich erschienene Publikum: "Ich hab schon Angst gehabt, dass wir in der Presse als anspruchsvoll angekündigt worden sind. Dann kommt ja meist keiner."

Umso erfreulicher also, dass sie, das Publikum des Gautinger Theaterforums, aus der wahrlich opulenten, breitestmöglich gefächerten Schar der Kandidaten auch einen Vertreter des Jazz für einen Publikumspreis des Jahres 2003 erkoren haben. Wirklich überraschend ist das aber nicht, weil bei dem Betreffenden - dessen Namen ich, um die Spannung künstlich anzuheizen, erst ganz zum Schluss nenne, auf den sie aber sicher schnell kommen werden – weil also bei ihm wenig so ist wie bei anderen Jazzern.

Der wichtigste Unterschied ist vielleicht, dass der Pianist, um den es hier geht, nicht nur musikalisch an eine von der Masse der Jazzer recht stiefmütterlich behandelte Ära anknüpft. In den dreißiger Jahren nämlich waren Jazz-Pianisten nicht nur Musiker, sondern auch Entertainer. Namen wie Art Tatum, Willie "The Lion" Smith, Meade Lux Lewis oder Pete Johnson stehen für die perfekte, heute höchst seltene Synthese aus atemberaubender pianistischer Technik, stilistischer Schöpferkraft und Showtime. Thomas Fats Waller - vielleicht der primus inter pares - erwarb sich mit seinen Plaudereien, seinen humoristischen Einlagen und Songs wie "I Hate You, Cos Your Feet's Too Big" den Spitznamen eines "Jester of Jazz", also eines Clowns des Jazz. Was andererseits damals problemlos mit künstlerischem Anspruch vereinbar war, wie ihn gefühlvolle Balladen wie "Black and Blue", die Einführung der Hammond-Orgel in den Jazz und pianistische Finessen en masse belegen. Wallers nahezu unspielbares "Handful Of Keys" gehört - ebenso wie humoristische Einlagen – seit eh und je zum Repertoire unseres Preisträgers. Und wie er es spielt, sagt einiges über ihn aus: Die alten Stile seien noch lange nicht ausgereizt, hat er immer wieder betont, und genau das beweist er Konzert für Konzert. Nie ist dieselbe Version des Standards zu hören, stets fällt ihm ein neuer Schlenker, eine harmonische Wendung, eine rhythmische Variation ein. Denn unser Preisträger spielt nicht nach, er interpretiert.

Die Suche nach dem Neuen, ein im Lande des Biergarten-Dixieland leider oft missachtetes Kriterium der improvisatorischen Musik, die man Jazz nennt, ist bei seinen Auftritten ebenso wichtig wie Virtuosität. Fast verschollene Klassiker wie Ray Charles oder Teddy Wilson hat er wiederentdeckt. Vorlagen von modernen Songwritern  wie Randy Newman, Al Jarreau,  Stevie Wonder und Paul Simon nutzt er ebenso für seine rauchige Stimme wie eigene Balladen. Selbst Verbeugungen vor Klassikern wie Bach, Rachmaninov oder Beethoven scheut er nicht. Nicht nur als Solist kann unser Preisträger glänzen, auch im Trio oder in jüngster Zeit mit einer größeren Besetzung  hat er bewiesen, dass er auch Teamworker und Talentscout sein kann.  Harte Arbeit steckt hinter all dem, auch wenn man es nicht immer erkennen mag.

Eine einzigartig bunte Mischung also, die unser Preisträger da kredenzt, mit sicherem Gespür für guten Geschmack, die  den veritablen Weinkenner auch auf anderen Gebieten auszeichnet.  So wie die Preisträger der Sparte Kabarett auch für ihre Musik ausgezeichnet werden könnten, so ist an ihm ein Kabarettist verloren gegangen. Aus dem reichen Fundus der Musikgeschichte schöpft er für seine witzigen Moderationen ebenso wie aus dem Alltagsleben eines Musikers. Kaum ein Dialekt übrigens, den er nicht perfekt beherrscht. Wie kein anderer untermauert unser Mann am Piano, was schon Horace Silver im  Titel eines seiner jüngeren Alben postuliert hat:  "Jazz has a sense of humour". 

Es sollte der derzeit laut jammernden Musikindustrie zu denken geben, dass sich unser Preisträger mit seinem  Bündel an Qualitäten ohne die Unterstützung von mächtigen Plattenkonzernen, Veranstaltern oder Sponsoren durchgesetzt hat und vor allem dank der guten, alten Mundpropaganda die hiesigen Bürgerhäuser ebenso füllt wie den Konzertsaal im Pariser Louvre oder das Münchner Prinzregententheater. Ihre Wahl beweist außerdem, dass der Prophet im eigenen Lande gelten kann: Unser Preisträger ist nämlich ein local hero, in Gräfelfing aufgewachsen und vor kurzem nach Wessling übersiedelt. Und schließlich bewahrheitet sich hiermit die Prophezeiung von SZ-Chefredakteur Ernst Fischer, der bei der Verleihung des Tassilo-Preises der Süddeutschen Zeitung an ihn im vergangenen Jahr meinte, dass diese erste Auszeichnung nicht die letzte bleiben werde.

Herzlichen Glückwunsch also an Martin Schmitt zur Verleihung des Gautinger Publikumspreises 2003!

 

 

 

 

 


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